Weihnachten: Nur noch Konsumfestival oder...?

Christine Fuchs
Raunächte
Weihnachten: Nur noch Konsumfestival oder...? - Weihnachten: Von einem spirituellen Fest zum Konsumfestival

Weihnachten ist heute für viele eine Mischung aus schön und stressig. Kerzen, Duft, Lichterketten – und gleichzeitig: volle Innenstädte, Paketberge, „nur noch schnell“ hier und da, und irgendein unterschwelliger Druck, dass es bitte perfekt werden soll. Und wenn wir ehrlich sind: Ein Teil dieses „Weihnachtsgefühls“ besteht inzwischen aus Dingen, die wir gekauft haben – nicht aus dem, was wir innerlich erleben.

Das Tragische daran ist nicht, dass Menschen es sich gemütlich machen. Das Tragische ist, dass der eigentliche Kern des Festes – die Erfahrung von innerer Lichtgeburt, Sinn und einer geistigen Ausrichtung – immer weiter verschwindet. Und ersetzt wird durch eine Art Ritual aus Konsum: kaufen, dekorieren, schenken, essen, funktionieren.

Billig-Deko, teurer Preis: Wer zahlt wirklich?

Ein großer Teil der Weihnachtsdekoration kommt heute aus globalen Massenproduktionen. Yiwu in China wird in Reportagen sogar als „Weihnachtsdorf“ beschrieben; dort sitzen Hunderte Betriebe, die einen sehr großen Anteil der weltweiten Weihnachtsdeko herstellen.
Das ist nicht automatisch „böse“ – aber es erklärt, warum Deko heute so billig ist: weil sie industriell, in riesigen Mengen und unter enormem Preisdruck produziert wird.

Und genau da wird’s unerquicklich: Billigpreise funktionieren fast nie ohne Schattenseite. Die US-Regierung warnt Unternehmen ausdrücklich vor Lieferkettenrisiken aus Xinjiang – und nennt dabei sogar „Christmas Decorations“ als Produktkategorie, die in diesem Kontext als risikobehaftet gilt (Stichwort: Zwangsarbeitsrisiken). Das heißt nicht: „Alles ist so produziert.“ Aber es heißt: Das Risiko ist real und offiziell benannt.

Dazu kommt: In vielen globalen Lieferketten sind Ausbeutung und Kinderarbeit weiterhin Themen. Es gibt eine Liste von Produkten und Herkunftsländern, bei denen es Hinweise auf Kinder- oder Zwangsarbeit gibt – als Werkzeug für Risikobewertung und Bewusstseinsbildung.
Wenn man das einmal ernst nimmt, wirkt „Hauptsache billig“ plötzlich nicht mehr harmlos, sondern unerquicklich bequem.

Und dann ist da noch etwas sehr Banales: Billig-Deko ist oft genau das – kurzlebig. Sie geht schnell kaputt, riecht nach Plastik, landet nach zwei Saisons im Müll. Das ist wie eine Wegwerf-Beziehung zu einem Fest, das eigentlich Tiefe und Würde haben will.

Wie die Werbung Weihnachten umprogrammiert hat

Weihnachten war nicht immer so. Die starke Kommerzialisierung ist historisch ziemlich gut nachvollziehbar: Im 19. Jahrhundert - davor hat übrigens die Kirche dafür gesorgt, dass Schenken an Weihnachten zum Trend wurde, dazu an anderer Stelle mehr - haben Händler und Kaufhäuser das Schenken und den „Christmas-Shopping“-Gedanken massiv mitgeprägt. Es wurde ein Markt daraus – und der Markt formte die Gefühle dazu.

Später kamen die großen Bildwelten: Santa als freundliche, warme Werbefigur. Coca-Cola hat dieses moderne Santa-Bild nicht erfunden, aber durch seine Kampagnen ab 1931 enorm verstärkt und verbreitet.
Und damit ist etwas passiert, was Werbung grandios kann: Sie hat ein Fest von innen nach außen gezogen. Vom Erleben zur Kulisse.

Und der Ursprung? Der ist leise. Und unbequem für den Konsum.

Wenn man ein bisschen tiefer schaut, liegt unter Weihnachten etwas sehr Altes: die Erfahrung der Wintersonnenwende – der Punkt, an dem das Licht wieder zunimmt. Die Antike kannte rund um diese Zeit große Feste wie die Sonnenkulte um Sol invictus und die Mithras-Misterien.  

Warum ist das wichtig? Weil diese Zeit im Jahr eine universelle menschliche Erfahrung berührt: Nach der tiefsten Dunkelheit kehrt Licht zurück. Das ist nicht nur die Sonne als Gasball am Himmelszelt. Das ist seelisch. Und genau deshalb konnte sich Weihnachten überhaupt so tief in die Menschen hineinsetzen.

Zur Datierung des Weihnachtsfestes gibt es unterschiedliche Erklärungen: Manche Linien verbinden den 25. Dezember mit Sonnenmotiven, andere erklären das Datum über frühe theologische Berechnungen (z.B. rund um den 25. März als Datum der Empfängnis/Schöpfungsmotive). Encyclopaedia Britannica stellt diese Spannbreite gut dar.
Heißt: Selbst historisch ist es nicht nur „die Kirche hat ein heidnisches Fest geklaut“, sondern komplexer. Aber so oder so bleibt: Weihnachten ist im Kern an einen Zeitpunkt gekoppelt, an dem die Menschheit seit jeher „Lichtwende“ erlebt. Und das eben nicht nur im Außen, sondern im Innen und nur möglich durch das Erscheinen des geistigen Wesens Christus. 

Und jetzt kommt der Punkt, der im Geschenkpapier erstickt: Dieses Fest ist nicht nur dafür da, Lichter aufzuhängen – sondern dafür, dass im Menschen etwas aufleuchtet. Dass wir innerlich wieder Anbindung finden. Sinn. Würde. Wärme. Verantwortung. Das ist unbequem für den Konsum, weil du dafür nichts kaufen musst.

Was du tun kannst, ohne Moralkeule

Ich sag’s dir, wie ich’s selbst sehe: Du musst Weihnachten nicht „abschaffen“. Du darfst es zurückholen.

Vielleicht heißt das ganz praktisch:

  • weniger Deko, dafür bewusst ausgewählte Stücke, die bleiben dürfen

  • reparieren, wiederverwenden, tauschen statt jedes Jahr neu „aufrüsten“

  • beim Kauf auf Herkunft, Qualität und nachvollziehbare Lieferketten achten (so gut es eben geht)

  • Geschenke reduzieren, dafür Begegnung, Zeit, echte Geste

  • eine kleine tägliche Licht-Praxis: Kerze, Stille, ein Satz, ein Gebet, ein Atemzug, eine Räucherung – nicht als mega tolles Ritual, nicht als Event oder Show, sondern als innere Ausrichtung

Weihnachten verliert seine Würde nicht, weil Menschen feiern. Es verliert sie, wenn das Fest nur noch aus Verpackung besteht.

Und vielleicht ist genau das die stille Aufgabe unserer Zeit: Nicht „gegen“ Weihnachten zu sein, sondern es wieder mit Inhalt zu füllen.



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